Papa, bin ich hübsch?

Meine Tochter, das Runzelfüßchen, fragte mich letztens allen ernstes, ob ich sie hübsch finde. Sie hatte sich irgendwas angezogen und wollte scheinbar meine Rückmeldung. Während ich noch überlegte, wie sie auf so eine Frage kam, antwortete ich ihr, sie ist so wie sie ist „immer hübsch“. Das war nicht ganz, was sie hören wollte. Aber ist das denn überhaupt wichtig, „hübsch“ zu sein? Für eine Dreijährige?

Zu dem Argument, „Mädchen wollte halt hübsch sein, was ist denn dabei?“, dem entgegne ich: wir sprechen hier über Kinder im Kleinkindalter, die sich von ihren Altersgenossen, vielleicht auch von uns Eltern, Regeln, Muster, Vorstellungen aneignen, die sie ein Leben lang begleiten.

Geschlechtsneutrale Erziehung – unmöglich?

Als Elternteil versuche ich unsere Kinder möglichst „geschlechtsneutral“ zu erziehen. Der Begriff „geschlechtsneutral“ ist auch nicht ganz einfach zu definieren. Ich sehe ihn so, dass ich versuche auf so viele Geschlechterklischees zu verzichten wie möglich: meine Tochter darf mit jedem Spielzeug spielen, was ihr gefällt. Sie kann Bücher lesen, die nicht vor Geschlechterklischees triefen. Niemand verbietet ihr, wild zu sein, zu klettern, weil „Mädchen das nicht machen“. Und genauso darf zum Beispiel mein Sohn, Herr Annika, eine Puppe zum spielen benutzen.

Leider definieren mittlerweile nicht nur die Eltern, also wir, was „normal für Mädchen“ ist. Wenn die Bekannte Geschenke mitbringt, aber das Buch mit den Autos ja „eher weniger für Mädchen“ sei und sie bestimmt, dass es nur etwas für mein Sohn ist. „Schlimmer“ als vielleicht die Erwachsenen sind die Gleichaltrigen. Da definieren die anderen Kinder, was „cooles“ Spielzeug für Jungen ist, was zusammen gespielt wird und wie Kinder auszusehen haben.

Die falche Hose wird immer Kindergarten bemängelt

Das Runzelfüßchen hatte ein paar Monate keine passende Jeans in ihrem Kleiderschrank. Zum einen, weil sie eventuell schon herausgewachsen war, zum anderen lassen sich selten Jeans für Mädchen finden, die nicht „skinny“ sind. (Dass es überhaupt „skinny“-Jeans für Mädchen gibt, vor allem, dass es in manchen Geschäften fast nur solche Hosen gibt, möchte ich hier gar nicht scheiben). Auf jeden Fall wollte das Runzelfüßchen lange Zeit unbedingt eine Jeans haben. Letztens zog sie morgens eine Jeans an, die wir ihr vor kurzem gekauft hatten. Da im Moment das Wetter immer ungemütlicher wird, fand ich das eine gute Idee. Aber nicht so das Runzelfüßchen. Als wir am nächsten die Tag die Hose wieder anziehen wollten, kam von ihr der Kommentar. „Die ziehe ich nicht an. Das ist keine schöne Mädchenhose.“ Auf die Frage, wer denn sowas behauptet, kam nur zurück: „meine Freundin Melanie hat das gesagt“

Natürlich habe ich ihr danach erklärt, dass eine Jeans einfach eine Hose ist und von jedem Kind angezogen werden kann. Aber irgendwie frage ich mich auch: ist das vielleicht auch meine Schuld? Betonen wir als Eltern unterschwellig, dass Aussehen speziell bei Mädchen wichtig ist? Und bei Jungen eher unwichtig? Ich kann es nicht genau sagen. Irgendwie will ich auch nicht immer die Schuld bei den anderen Eltern suchen. Aber wenn von drei Mädchen, zwei Mädchen rosa Kleidchen anziehen, dann will meine Tochter das auch. Und wenn die anderen zwei Mädchen schwarze Kleidung anziehen würden, dann würde meine Tochter auch gerne schwarz anziehen. Die Frage, die sich mir stellt: Wie gehe ich damit um? Dagegen ankämpfen? Akzeptieren?

 

Wie geht ihr mit solchen Klischees um? Wie erklärt ihr euren Kindern, dass Aussehen nicht das Allerwichtigeste im Leben ist?

2 Replies to “Papa, bin ich hübsch?”

  1. Ich glaube, das ist ein langer Prozeß. Und ich kann dabei nur wenig mitwirken. Klar kann ich Vorbild sein, indem ich selbst im Alltag Menschen nicht nach ihrem Aussehe beurteile und deren charakterliche Qualitäten hervorhebe. Meinen Mädels sage ich ganz oft, wie toll sie Streit schlichten, Rücksicht nehmen können etc. Oder lobe sie, wenn sie sich irgendwo verbessert haben.
    Ich erkläre ihnen, daß niemand etwas für sein Aussehen kann und gutes Aussehen keine Leistung ist.
    Und jeder bestimmt für sich selbst was er schön findet.
    Dann kommen die Einflüsse von außen. Die hinterfrage ich immer wieder „Findest Du das schön oder magst Du es nur weil Melanie es mag“
    Bisher hat das ganz gut funktioniert. Sogra so weit, daß kritische Anmerkungen meinerseits was die Klamottenwahl betrifft mit den Worten „Dir muß es ja nicht gefallen ich mag mich so“
    Aber natürlich gibt es auch für dieses Problem keine allgemeingültige Lösung.

    1. Liebe Suse,
      vielen Dank für Deinen Kommentar. Bin im Moment schlecht mit Internet versorgt – deshalb so spät eine Antwort von mir.
      Ich denke auch, dass wir als Eltern nur wenig Einfluss nehmen können. Wenn ich zum Beispiel über Menschen auf der Straße wegen ihrem Aussehen lästern würde, dann bekämen meine Kinder das genau so mit. Sie würden dann von mir lernen, andere so zu beurteilen.
      Dem Sohn nicht dauernd erklären, dass er mutig war. Der Tochter nicht dauernd sagen wie toll sie aussieht. Viel mehr kann ich wohl im Moment nicht machen.

      Liebe Grüße
      Alex

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