Über das Verbot der Niedlichkeit

Puppe im Puppenwagen

Manchmal passieren Dinge, bei denen man vorher glaubte, die gibt es gar nicht. Vielleicht in einem alten Film, aber doch nicht in echt. Was war passiert? Wir waren zusammen mit den Kindern unterwegs. Es war Samstag, wir hatten Hunger und kaufen uns eine Kleinigkeit zu essen. Es gab allerdings nur einen langen Tisch, an dem ungefähr zehn Menschen sitzen konnten. Wir setzten uns neben ein älteres Ehepaar. Unser Sohn hatte es ihnen auch sehr angetan: was soll ich sagen, ich habe einfach einen niedlichen Sohn. Die Frau meinte dann: „Ach wie süß. Ist das ein Junge oder ein Mädchen?“ Wir antworteten,  das es „ein Junge“ wäre. Von der Frau kam erstaunt der Spruch: „Das ist seltsam. Kleine Jungs sind normalerweise nicht süß.“

Meine Tochter ist natürlich auch niedlich, aber auch zwei Jahre älter als mein Sohn. Aber genauso wie sie mit anderhalb Jahren niedlich war, finde ich gerade Herr Annika sehr süß. Das tapsige Laufen, die lustigen Sprechversuche, das große Erstaunen über Flugzeuge, den Mond oder Tiere habe ich bei meiner Tochter in dem Alter genauso gefeiert wie jetzt bei ihm. Ich verstehe nicht, wie Menschen behaupten können, das Kleinkinder, egal ob Junge oder Mädchen, nicht einfach gleich süß sind.

Süß, eine Frage des Geschlechts?

Als unsere Kinder noch Babys waren, haben wir ihnen in der Regel keine rosa oder hellblauen Sachen angezogen. Unter vielen Gründen fanden wir es unter anderem einfach auch zu langweilig, einem Mädchen rosa und einem Jungen hellblau anzuziehen. Für Fremde, die das Baby ansahen, war das natürlich immer sehr schwierig. Sie wollten herauszufinden, ob das Baby denn ein Junge oder ein Mädchen war. Fast schon beleidigt wurde dann gefragt, wieso man das Kind nicht einfach geschlechtsentsprechend angezogen hätte. Natürlich hat die Frage nach dem Geschlecht auch viel mit Smalltalk zu tun. Andererseits fällt es vielen auch scheinbar schwer zu akzeptieren, dass ein Baby in erster Linie ein Baby ist.

Kleidung macht doch einen Unterschied

Es gibt ja Menschen, die behaupten es wäre egal ob man die Kinder rosa oder hellblau anzieht. Ich glaube, es macht einen Unterschied. Natürlich ist mein Sohn auf seine Weise immer niedlich, aber es macht schon einen Unterschied, ob er einen kleinen Tigerstrampler oder ein Pulli mit einer Monsterkapuze anhatte oder einfach einen normalen ausgewaschenen Strampler. Kinder sehen in niedlicher Kleidung einfach niedlicher aus.

Ein Mann darf nichts süß finden

Aber so wie kleine Jungs nicht süß sein „dürfen“, dürfen erwachsene Männer auch nichts süß finden. Ich war vor kurzem auf einer Veranstaltung mit mehreren Erwachsenen und ein paar Kindern. Eine Bekannte, die ich schon länger nicht mehr gesehen hatte, hatte zum ersten Mal ihren einjährigen Sohn dabei. Einem Freund erzählte ich, dass ich den Kleinen sehr süß und niedlich fand. Als ich das erzählte hörte eine andere Bekannte das Gespräch mit und ereiferte sich, wieso ich den ein Kind „süß“ finden würde. Das wäre doch unmännlich.

Ich weiß nicht, ob Kinder unbedingt und immer besonders niedlich angezogen sein müssen. Vielleicht wäre es ein Anfang, kleine Kinder ähnlich niedlich anzuziehen. Oder Männern zuzugestehen, dass sie auch Dinge „niedlich“ finden können.

Werden männliche Kinder in eurer Wahrnehmung auch als weniger niedlich empfunden?

8 Kommentare bei „Über das Verbot der Niedlichkeit“

  1. Also ich hab mir über die „geschlechterspezifische“Niedlichkeit eigentlich noch keine Gedanken gemacht. Habe allerdings wenn auch mehr mit kleinen Mädchen-Babys als mit Jungs-Babys zu tun gehabt.
    Aber als Mann musst Du dann wahrscheinlich auch noch aufpassen, wenn Du „süß“ sagst, dass Du nicht noch als „pädophil“ angesehen wirst?
    Und was geht andere Leute überhaupt an, wie ich mein Kind anziehe? Mal abgesehen davon: ich habe meine Große früher versucht „neutral“(was ja fast ein Ding der Unmöglichkeit bei Kleinkindern ist)anzuziehen. Aber selbst wenn sie mal eine rosa Jacke trug:“Ist das ein Junge?“ Der Blick ging immer nur Richtung schütteres Haupthaar. Bei meiner Kusine nicht anders. Der Sohn trug eine blaue Jacke mit einem ROTEN Streifen und hatte sehr volles Haar:“Ach, das ist aber ein süßes Mädchen!“ 😂
    Es wird sich wohl noch in Jahrzehnten nicht ändern, dieses rosahellblau Klischee 😴

    LG Silke

    1. Hallo Silke,

      vielen Dank für Deinen Kommentar.

      Komischerweise denke ich sehr selten daran, ob etwas als „pädophil“ ausgelegt werden kann. Aber wenn eher in anderen Situationen: Wenn ich mit meinen Kindern in der Bahn bin und ein anderes Kleinkind mich anlächelt, lächle ich eher zurück als wenn ich alleine unterwegs bin. Ein einzelner erwachsener Mann, der fremde Kindern anlächelt, könnte ja „verdächtig“ sein. Eigentlich totaler Quatsch, aber vermutlich würde ich umgekehrt das gleiche denken. Vielleicht ist man als Elternteil übersensibilisiert?

      Das mit den Haaren kannte ich noch nicht. Ich hab da noch nie einen Zusammenhang hergestellt. Wie bist Du damit umgegangen, wenn Menschen Deine Tochter als Jungen wahrgenommen haben?

      Liebe Grüße
      Alex

  2. Die vorwurfsvolle Frage, weshalb ich meiner Tochter keine geschlechtsspezifische Kleidung anziehe, kenne ich auch. Die Kleine trägt momentan eine dunkelrote Jacke mit grauem Kunstpelz, was offenbar von den meisten als „jungsspefzifisch“ angesehen wird. Inzwischen antworte ich deshalb auf die Frage, ob es ein Junge oder ein Mädchen sei, nur noch: „Ein Kind!“ Das führt zu irritierten Gesichtern, aber die Diskussion ist damit fast immer beendet.

    LG, Julia

    1. Hallo Julia,

      ich finde „ein Kind“ ist eine sehr gute Antwort. Passiert es denn manchmal, dass die Diskussion dort noch weiter geht? Oder merken die Menschen, dass Dich das Thema „Mädchen oder Junge“ einfach nervt?

      Liebe Grüße
      Alex

  3. Mein Sohn ist dermaßen niedlich, süß und knuffelig!
    Genau wie meine Tochter – aber gerade eben doch „Je kleiner, je süßer“.
    Und ich bin mir sicher mein Mann findet das auch. 🙂

    1. das_rosa_blau sagt: Antworten

      Hallo Aless, leider ein wenig spät, aber vielen Dank für Deinen Kommentar. Klar, je kleiner je niedlicher. Hast Du Deinen Mann mal gefragt? Liebe Grüße Alex

  4. Ich finde diese Bemerkungen, ob ein Kind süß, niedlich, hübsch etc ist sowieso blöd. Egal ob Junge oder Mädchen, egal ob Baby, Kleinkind oder größeres Kind. Was ist denn mit den Kindern, die offensichtlich nicht als süß empfunden werden?? Klar haben Babys (im Übrigen ja auch Tierkinder) einen evolutiv bedingten Niedlichkeitsfaktor. Aber letztlich geht es ja tatsächlich um Äusserlichkeiten. Ein niedliches Kind kann trotzdem unschöne Charakterzüge haben. Und ebenso auch andersrum. Ich mag diese Diskussion nicht.

    1. das_rosa_blau sagt: Antworten

      Hallo Anni,
      vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich glaube, wenn man Niedlichkeit nur als Kindchen-Schema sieht, will ich Dir Recht geben. Ich sehe niedlich bei Babys oder Kleinkindern aber auch in einer Reihe mit unschuldig, schutzbedürftig oder liebesbedürftig. In meinem Beispiel wurde ja einen Kleinkind-Jungen abgesprochen überhaupt niedlich sein zu können. Sind kleine Jungs weniger sensibel als Mädchen? Oder können sie mehr „einstecken“ als kleine Mädchen? Natürlich nicht, aber für mich schwingt das in dieser Zuschreibung(„Jungs sind nicht niedlich“) alles mit.

      Viele Grüße
      Alex

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